Physikalische und Trainingstherapie bei SchmerzpatientenDr. med. Petra Brückner
Inhalt: Einleitung
Nach
vorsichtigen Schätzungen leiden zwischen 5 und 8 Millionen der Deutschen an
chronischen Schmerzen. 2 von 5 Deutschen haben mehrmals pro Jahr Schmerzen
davon:
Geschlechtsverhältnis:
Ca.
62 % weibliche und 38 % männliche Patienten.
Die
physikalische Therapie und die Trainingstherapie sind gleichberechtigte
Therapieformen im Rahmen einer sinnvollen Ganzheitsschmerzbehandlung, die durch
andere Therapieverfahren nicht ersetzbar sind.
Die
physikalische Therapie dient:
- zur raschen Mobilisierung und
Rekonditionierung nach Krankheit und Operation
- als spezifisches Funktionstraining
der Grundfunktionen, wie Wärmehaushalt, Kreislauf, Atmung, Bewegungssystem bei
kranken Patienten
- als Basistherapie bei Überforderung,
gestörter Anpassung an die Umweltbedingungen oder anderen rehabilitativen
Defiziten
Physiotherapeutische
Verfahren spielen, neben medikamentösen und psychologischen Therapien, eine
zentrale Rolle in der Schmerztherapie.
Die
Auswahl geeigneter Behandlungsverfahren ist nicht leicht, da eine Vielzahl von
Methoden zur Verfügung stehen und die Wirksamkeit mancher Therapien nicht durch
prospektive Studien belegt ist.
Bei
der Behandlung des Schmerzgeschehens ist zu beachten, dass es durch die
somatische, psychische, aber auch soziale Faktoren bestimmt wird.
Nachfolgend
soll weniger auf die Technik der einzelnen Methoden eingegangen werden, als ein
Überblick über die möglichen Physiotherapieverfahren mit ihren
Therapieprinzipien vermittelt werden.
Bereits
im frühen Schmerzstadium muss das Ziel des Behandlerteams darauf gerichtet
sein, einer Schmerzchronifizierung entgegen zu wirken.
Zur
Definition eines chronischen Schmerzes reicht es nicht aus, allein die zeitliche
Dimension, nämlich mehr als 3 Monate anhaltende Schmerzsymptomatik, zu berücksichtigen
sowie die geforderte, mehr als 4-wöchige Arbeitsunfähigkeit und akute
Schmerzepisoden, mindestens zwei mal im Jahr. Die Chronifizierung ist
gekennzeichnet durch zunehmende Schmerzausdehnung auf andere Lokalisationen, bis
hin zum generalisierten Schmerzsyndrom, Umfang der Medikation und die Häufigkeit
von Arzt- und Krankenhauskontakten.
Der
Einsatz passiver Behandlungsmethoden darf sich nur auf die Anfangszeit
erstrecken, da alleiniger Einsatz von Passivtherapie Schmerzchronifizierung begünstigt.
Methoden der physikalischen Therapie
Die
Massage
Massage
zielt auf Muskeln, Sehnen und Bänder sowie auf das weiche Bindegewebe.
Die
Gelenke werden dabei kaum bewegt. Man kennt die klassische Massage sowie
Reflexzonen- und Bindegewebsmassage.
Klassische
Massage:
Bei
der klassischen Massage werden verschiedene Techniken angewandt, z. B.
Streichungen und Reibungen, Knetungen und Walkungen, Querfriktionen, Klopf- und
Klatschmassagen sowie Schüttellungen und Vibrationen.
Die
Unterwassermassage:
Stützt
sich auf die Kombination von Wärme, Wasserauftrieb und Massage durch
Druckstrahl.
Bei
der Reflexzonen- und Bindegewebsmassage soll über viscero-cutane Reflexe von der
Peripherie aus Einfluss auf innere Organe genommen werden.
Reflexzonen als Ziel der Massage sind, neben bestimmten, den Organen
zugeordneten Dermatomen (Head’sche Zonen), auch die Muskulatur, das
Bindegewebe (Bindegewebsmassage) und das Periost (Periostmassage) in diesen
Segmenten.
Die
Wirksamkeit von Massagen ist durch klinische Studien nur unzureichend
untersucht. Nicht wegzudiskutieren ist der meist wohltuende und schmerzlindernde
muskelentspannende Effekt.
Wärme-
und Kältetherapie spielen in der Schmerztherapie eine bedeutende Rolle.
Kryotherapie
ist die therapeutische Nutzung der
lokalen Kälteapplikation mittels Eis, Kaltluft und Wasser, mit dem Ziel des Wärmeentzugs.
Empfohlene Dauer der Kältebehandlung zwischen 10 und 20 Minuten.
Kryotherapie
Eisbehandlung
Kältetherapie
niemals bei sensiblen Defiziten, arteriellen Durchblutungsstörungen. Bei
Kurzzeitanwendungen bis zu 3 Minuten kommt es nur zur Absenkung der
Hauttemperatur. Bei Langzeitanwendungen – länger als 5 Minuten – wird auch
eine Temperaturerniedrigung in der Tiefe erreicht.
Wärmetherapie:
Die
direkten Wärmewirkungen sind stärker und sicherer zu erzielen, als die über
Reflexe vermittelten. Es sind deshalb möglichst lokale Wärmeanwendungen bei
Indikationen im schmerzhaften Gewebe anzustreben.
Hydrotherapie
Warme
Moor- oder Schlammpackungen, z. B. Fango, haben geringe Wärmeleitfähigkeit und
ermöglichen so eine langanhaltende Überwärmung der Haut. Wärmebehandlungen
werden häufig zur Einleitung einer Massage oder vor Krankengymnastik angesetzt.
Elektrotherapie
Die
Hauptwirkungen einiger elektrotherapeutischer Verfahren beruht auf der Erzeugung
von Wärme in tieferen Gewebsschichten. Das gilt besonders für
hochfrequente
Wechselströme wie Kurzwelle, Ultrahochfrequenz und Mikrowellentherapie.
Die
Ultraschalltherapie beruht auf thermischen und mechanischen Effekten.
Im
Gegensatz zu anderen Wärmetherapieverfahren bewirkt die Ultraschallbehandlung
eine Tiefenerwärmung und dadurch z.B. beim Kniegelenk zu einer Abnahme der
Gelenksteifigkeit und gesteigerten Dehnbarkeit von Gelenkkapsel, Sehnen oder
auch Narben. Ultraschall fördert auch den Abbau eines unfallbedingten Exodates
und wirkt schmerzlindernd.
Gleichstromtherapie
(Galvanisation) wirkt durchblutungsfördernd und analgetisch.
Die
Iontophorese stellt eine Sonderform der Gleichstrombehandlung dar, wobei
mit Hilfe des galvanischen Stromes Medikamente durch die intakte Haut in den Körper
gelangen.Die Eindringtiefe des eingebrachten Medikamentes beträgt nur wenige
Millimeter und wird von dort mit dem Blut oder Lymphstrom in die Umgebung
abtransportiert bzw. diffundiert in tiefere Gewebsschichten. Zur Behandlung
eignen sich deshalb relativ oberflächliche Krankheitsherde, z.B. Sehnenansätze
beim Tennisellenbogen, Schultererkrankung oder Kniegelenkserkrankungen.
Die
niederfrequenten Ströme zwischen 100 und 150 Hertz wirken
schmerzstillend über den sogenannten Verdeckungseffekt.
Durch
die Reizung schnell leitender sensorischer Nervenfasern werden
die sensorischen Hinterhornzellen auf Rückenmarksebene blockiert, so
dass später eintreffende Schmerzimpulse über langsam leitende Schmerzfasern
nicht über aufsteigende Schmerzbahnen weitergeleitet werden können. Auf diesem
Prinzip funktionieren die Reizstromtherapie, die diadynamischen Ströme und die
transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS).
Die
Vorteile der TENS bestehen in der Möglichkeit der selbständigen und häuslichen
Behandlung und damit der dauernden Verfügbarkeit.
Die
Stimulation geschieht mit einem batteriebetriebenen Kleinstimulator im
Taschenformat, die Domäne der TENS sind hartnäckige chronische Schmerzzustände,
auch Z. n. Amputation einer Extremität, Neuralgien und chronische Erkrankungen
des Bewegungsapparates.
Zur
Mittelfrequenztherapie gehört der Interferenzstrom, der
Muskelstimulation und Schmerzstillung kombiniert. Das Interferenzstromverfahren
eignet sich sehr gut zur Längsdurchströmung eines Muskels oder Querdurchströmung
eines Gelenkes, auch der mittleren und kleineren Extremitätengelenke ohne größere
Muskelbedeckung.
Zur
Hochfrequenz (Thermo)-Therapie gehört die Kurzwelle, die Mikrowelle und
die Dezimeterwelle.
Diese
elektrotherapeutischen Verfahren wirken vor allem über die Wärmeerzeugung.
Die
Mirkowellentherapie erwärmt das Unterhautfettgewebe nur gering, am meisten die
oberflächennahe Muskulatur und sind deshalb geeignet für oberflächlich
gelegene Behandlungsgebiete.
Bei
der Dezimeterwellentherapie werden tieferliegende Gewebsschichten stärker erwärmt.
Krankengymnastik
Krankengymnastik
hat einen festen Stellenwert in der Schmerzbehandlung. Krankengymnastisch hat in
der Schmerztherapie vor allem deshalb eine zentrale Rolle, weil sie dem
Patienten die Möglichkeit gibt, aktiv an der Bekämpfung seiner Schmerzen
mitzuwirken. Krankengymnastik ist meistens eine causale Therapie. Sie vermag
langfristig Gesundheitsstörungen zu minimieren oder über Kräftigung der
Muskulatur so gut zu kompensieren, dass die Schmerzsymptomatik nachlässt.
Bei
chronischen Schmerzpatienten muss jede eingeleitete Krankengymnastik in selbständig
durchgeführte Übungen einmünden. Ziele der Krankengymnastik
Vergrößerung
des Bewegungsumfanges
Im
Rahmen der krankengymnastischen Mobilisation werden sensible Afferenzen
stimuliert und dadurch kann reflektorisch eine Schmerzlinderung erreicht werden.
Krankengymnastik hat auch einen prophylaktischen Wert, z.B. zur Verhinderung
erneuter Schmerzzustände oder zur Vermeidung von Kontrakturen, wenn
schmerzbedingt eine Schonhaltung eingenommen wird. Der unglückselige Kreislauf
von Schmerz, Schonung und dadurch vermehrtem Schmerz muss durchbrochen werden.
Das ist dem Patienten manchmal schwer zu vermitteln, meint er doch, sich wegen
der Schmerzen schonen zu müssen.
Eine
Schonung, verbunden mit geringer aktiver Bewegung führt zur Verkürzung von
Muskelzügen und periartikulären Weichteilen, dadurch zu verstärkter
Bewegungs-einschränkung und schließlich auch zu degen. Veränderungen am
Gelenkknorpel. Diesem Kreislauf wirken
passive und aktive Bewegungsübungen entgegen.
Zu
den passiven Bewegungsübungen gehören assistiv durchgeführte Gelenk- und
Extremitätenbewegungen ohne Eigenaktivität der Patientenmuskulatur. Auch Beübung
auf motorischen Bewegungsschienen ist hier einzuordnen oder auch die
Stufenbettlagerung bei akuter Lumboischialgie. Sobald wie möglich sollten die
passiven durch aktive Bewegungsübungen ersetzt werden.
Ziel
des Aktivprogrammes besteht in einer Kräftigung der Muskulatur und zusätzlich
Steigerung der allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit.
Zur
Krankengymnastik gehört auch immer ein anfängliches Aufwärmprogramm sowie
Dehnungsübungen hinzu. Die Dehnungsübungen zielen auf zur Verkürzung neigende
Muskelzüge und sollen vor allem schmerzbedingten und schmerzauslösenden
Bewegungseinschränkungen entgegenwirken. Über gute Information soll der
Schmerzpatienten in die Lage versetzt werden, die Tätigkeiten des alltäglichen
Lebens möglichst ohne schmerzauslösende Bewegungsmuster durchzuführen.
Solche
Inhalte werden im Rahmen der Rückenschule, wo rückengerechtes Alltags- und
Berufsverhalten vermittelt wird, geübt. Dazu gehören z.B. das richtige Sitzen,
das richtige Aufstehen, das richtige Heben und Tragen.
Sport als therapeutische Möglichkeit
Sport ist inzwischen zu einem „Medikament“ bei chronischen Erkrankungen geworden. Der Behindertensport hat seine Wurzeln in der Bewegungstherapie der Amputiertenlazarette des ersten Weltkrieges. Bei chronischen Erkrankungen körperliche Schonung anzuraten ist obsolet. Gezielte Bewegungstherapie kann den Ausheilungsprozess oder zumindest Kompensationsmechanismus für verlorengegangene Funktionen fördern.
Das
bekannteste Beispiel dafür ist die moderne Form der Herzinfarktrehabilitation
in ambulanten Koronarsportgruppen.
Indikationsgerechte
sportliche Betätigung kann als kausale Therapie, aber auch als symptomatische
Therapie eingesetzt werden. Z. B. gilt für
den Zuckerkranken, dass er durch körperliche Aktivität einen Teil seines
Insulins einsparen und sogar seine Stoffwechselsituation insgesamt verbessern
kann.
Genauso
wichtig sind die psycho-sozialen Auswirkungen des Sports. Körperliches Training
darf nicht unkritisch verordnet werden, sondern allgemeine Gesichtspunkte über
Indikation und Kontraindikation sind zu beachten.
Durch
indikationsgerechte
medizinische
Trainingstherapie wird, je nach Fall, eine Verbesserung von
-
Kraft
-
Ausdauer
-
Schnelligkeit
-
Koordination
-
Gleichgewicht
-
Beweglichkeit
angestrebt. D. h., dass die medizinische Trainingstherapie z. T. mobilisierend, z. T. stabilisierend auf einzelne Gelenke oder die Wirbelsäule gezielt einwirkt.
Dr.
med. Petra Brückner
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